Designer Werner Aisslinger im Interview
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Mit der Ausstellung „Werner Aisslinger. House of Wonders“ feiert die Pinakothek der Moderne einen von Deutschlands größten Gestaltern. Es ist eine Installation zur Frage: Wie könnte Leben und Arbeiten in Zukunft aussehen? DECO HOME Chefredakteurin Anne Gelpke traf ihn vorab zum Gespräch.

Herr Aisslinger, wie textil sind Ihre Entwürfe?
Der textilste ist ein gestalterisches Projekt: der Umbau des Kvadrat-Showrooms. Aber tatsächlich interessieren mich Stoffe immer mehr. Weil der innenarchitektonische Kontext insgesamt und auch in meiner Arbeit an Bedeutung gewinnt. Da wird’s dann auch gleich richtig spannend, wenn nämlich Formen, Texturen und Oberflächen in einem Raum gut miteinander auskommen müssen – ähnlich wie bei den Menschen.

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Musterwand im Showroom von Kvadrat in Köln

Wie würden Sie das Verhältnis von Form und Material in Ihrem Design beschreiben?
Form follows material. Ich experimentiere gern. Klar, man macht jetzt nicht jeden Tag einen Stuhl oder Tisch aus einem aberwitzig neuen Werkstoff, aber man versucht als Designer natürlich, vorne zu sein und zu schauen, ob es nicht etwas Spannenderes gibt als das Traditionelle. Doch es gibt für mich auch eine nächste Ebene: Form follows storytelling. Design bekommt zunehmend narrative Komponenten, die den Nutzer emotional berühren sollen.

Worin sehen Sie die Aufgabe von Stoffen?
Na ja, irgendwo muss die Behaglichkeit ja herkommen. Textilien sind eigentlich das Einzige, das sowohl auf der emotionalen als auch auf der akustischen Ebene Behaglichkeit erzeugt. Natürlich ist die textile Gestaltung am Ende ein Ausdruck von Perfektion, quasi der letzte Schliff, aber man kommt eben nicht um sie herum. Es mag Puristen geben, die sich gern mit Beton und Glas umgeben, aber die meisten Menschen lieben es behaglich. Und das kommt nicht nur durch den knisternden Kamin, sondern vor allem durch Stoffe.

Was glauben Sie, welche Bedeutung Stoffe in Zukunft haben werden?
Ich weiß nicht, wie extrem es noch werden wird, aber ich denke: Da geht noch was. Wir haben den ganzen Tag mit gläsernen Oberflächen zu tun, sitzen vor Bildschirmen und kommunizieren über Smartphones und Pads. Je mehr wir uns mit diesen sterilen Materialien umgeben, desto stärker wird das Bedürfnis nach einem Gegenpol. Früher war Holz immer glatt. Heute wird es gebürstet.

Alle wollen das Holz spüren wie bei einer alten Hütte in den Bergen. Wolle oder Velours sind auch solche High-End-Oberflächen. Das ist kein Trend, sondern eine Sehnsucht, die aus dem Leben entsteht, das wir führen. Ich bin sicher, dass warme, weiche Materialien wie Stoffe oder Leder noch Zuwachsraten haben. Wenn jemand behauptet, das textile Zeitalter kommt – da gehe ich mit!

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Einblicke in das „House of Wonders“ ...
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Stichwort typisch deutsches Design: Wie oft begegnen Ihnen stereotype Vorurteile?
Ich arbeite viel mit italienischen Herstellern und da passiert es mir schon öfter, dass ich als Kästchendenker aus Deutschland eingeordnet werde. Natürlich kann ich streng. Aber ich kann auch anders. Was hat das damit zu tun, woher ich komme? So hat jeder seine Vorurteile. Es ist ja auch irgendwie lustig. Deutsche sind strebsam, pünktlich? (Lacht.) Ich bin nie pünktlich. Aber ich leugne nicht, dass die Bauhaus-DNA am Ende doch in uns steckt. Das Bauhaus hat das Design in Deutschland geprägt und steckt bis heute in unserem Bildungssystem. Ich denke, die Frage ist, wie man mit dieser Tradition umgeht.

Ihre Ausstellung „House of Wonders“ in München: Warum lohnt sich der Besuch?
Weil es uns alle betrifft. Das „House of Wonders“ ist eine Zukunftsvision mit Augenzwinkern. Wie werden wir leben? Die Installation wirft Fragen auf, die jeder für sich beantworten kann. In meinem Leben muss der Kühlschrank nicht selbstständig einkaufen oder sich mit der Waschmaschine unterhalten. Aber in anderen Zusammenhängen macht die technische Entwicklung Sinn. Wir haben die Themen ein bisschen weiter gedacht, etwa eine Drohne, die beim Wäsche-Aufhängen hilft. Und wir haben uns mit Re- und Upcycling beschäftigt.

Wir zeigen ein Auto, das von außen mit Stoff bezogen wird und so wieder neu wirkt. Es heißt ja immer, moderne Fahrzeuge würden viel weniger Schadstoffe ausstoßen. Fakt ist: Der radikalste CO2-Footprint ist die Produktion. Da kann man noch so lange mit seiner alten Schleuder rumfahren. Es geht darum, Lebenszyklen zu verlängern. Also, liebe Leser von DECO HOME: Ich empfehle Ihnen den Besuch dieser Ausstellung!

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Eine stoffbezogene Karosserie parkt vor dem „House of Wonders“
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Für das Möbellabel Piure entwarf Werner Aisslinger eine Reihe von Sideboards
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Hier: Entwurf „Nex“, www.piurefurniture.com

 

„Werner Aisslinger. House of Wonders“ läuft noch bis September. Designer-Talk anlässlich des Münchner Stoff Frühlings: 24. März, 17 Uhr

 

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