Die Frau, die ihre Stoffe tanzt

Sie hat eine ganz neue Art des Tex­til­de­signs erfun­den: „Emo­tio­nen durch Bewe­gung ein­fan­gen, Bewe­gung durch Mus­ter auf­zeich­nen, Erleb­nis­se in Mate­ri­al über­set­zen“ – so poe­tisch beschreibt Desi­gne­rin Jes­si­ca Smarsch ihr 20-Tage-Walking-Projekt.

Wel­ches Mus­ter hat mein Weg zur Arbeit und wie zeigt sich der Sonn­tags-Spa­zier­gang auf einem Baum­woll-Plaid? Eine in Eind­ho­ven leben­de Ame­ri­ka­ne­rin hat dar­auf eine eige­ne Ant­wort gefun­den. Jes­si­ca Smarsch pro­gram­mier­te Werk­zeu­ge, die Bewe­gun­gen mit einer selbst ent­wi­ckel­ten Soft­ware auf­zeich­nen und erzeugt damit immer neue Lini­en und For­men. Auf Stoff über­tra­gen ver­lie­ren sie ihren tech­ni­schen Touch, wir­ken eher wie Ikat-Mus­ter, frei gezeich­ne­te Strei­fend­essins oder Chevrons.

Eine Leidenschaft fürs Textildesign

Nach ihrem Abschluss an der Rho­de Island School of Design, arbei­te­te die Desi­gne­rin zehn Jah­re in New York, wo sie ver­schie­de­ne The­men und Medi­en erforsch­te. Am Ende muss­te sie ein­se­hen, dass sie wah­re Hin­ga­be nur im Tex­til­de­sign fand – sei­nen Mus­tern, Wie­der­ho­lun­gen und Rhyth­men. Mit die­ser Erkennt­nis ent­wi­ckel­te sie eine Spra­che, deren Buch­sta­ben Mus­ter sind.

Jessica Smarsch_BodyScapes_Day10 Textildesign_Jessica_Smarsch_BodyScapes_Day2_decohome.de6

Ein äußerst ungewöhnliches Projekt

Für ihr 20-Tage-Pro­jekt „Body Scapes“ mar­schier­te Jes­si­ca Smarsch jeden Tag durch Stra­ßen und Fel­der. Aber nicht ohne vor­her und nach­her mit ihrem selbst ent­wi­ckel­ten Werk­zeug eine Art impro­vi­sier­ten Tanz auf­zu­zeich­nen, um ihre jewei­li­gen Emo­tio­nen und deren Ver­än­de­rung aus­zu­drü­cken und zu über­set­zen. Je zwei Mus­ter an zwan­zig Tagen: Ein Out­put, von dem Stoff­de­si­gner nor­ma­ler­wei­se nur träu­men kön­nen. Aus­ge­wähl­te Designs ließ Jes­si­ca Smarsch weben und zu Plaids ver­ar­bei­ten: die Innen­sei­te klei­det das schwarz-wei­ße-Ori­gi­nal­bild, die Außen­sei­te ist den Far­ben der Land­schaft ange­passt, die sie am Tag des Tan­zes umgab. Die Designs der Eind­ho­ve­ne­rin pas­sen wun­der­bar zum skan­di­na­vi­schen Einrichtungs-Style.

Jes­si­ca Smarsch hat damit einen Weg gefun­den das oft­mals lee­re Tex­til­de­sign mit Inhalt zu fül­len. Ihre Inspi­ra­ti­on ist eine Reflek­ti­on unser aller Kul­tur und reicht weit zurück: „Die wich­tigs­ten Hand­lun­gen frü­her Gesell­schaf­ten wur­den per­formt und spä­ter als Sym­bo­le auf all­täg­li­che oder ritu­el­le Objek­te über­tra­gen. So ent­wi­ckel­te man einen ver­gäng­li­chen und gleich­zei­tig blei­ben­den Erzähl­stoff. Er war Teil eines Glau­bens­sys­tems, das Freu­de und Hoff­nung in oft­mals gefähr­li­che Situa­tio­nen brachte.“

Brauchen wir so etwas heute noch?

Eini­ge die­ser alter­tüm­li­che Prak­ti­ken haben bis heu­te über­lebt, die meis­ten ver­lo­ren ihre Bedeu­tung mit der Ent­wick­lung der moder­nen Gesell­schaft, ihrer Wer­te und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me. Die Tex­til­de­si­gne­rin gibt ihnen wie­der eine Bedeu­tung. Doch in unse­rer glo­ba­li­sier­ten, mul­ti­kul­tu­rel­len, hoch tech­ni­sier­ten Gesell­schaft sind die­se ritu­el­len Objek­te kaum noch all­ge­mein­gül­tig. Sie sind kom­ple­xer: per­sön­lich, viel­leicht sogar pri­vat. Tref­fend also, dass Jes­si­ca Smarschs visu­el­le Aus­for­mu­lie­rung in jedes Wohn­zim­mer passt.

Wo nötig ange­passt sein und wo mög­lich indi­vi­du­ell – Jes­si­cas Pro­jekt erfasst das Stre­ben des moder­nen Men­schen genau­er, als man auf den ers­ten Blick glau­ben mag.

Jessica Smarsch_BodyScapes_Day17 Jessica Smarsch_BodyScapes_Day1 Jessica Smarsch_BodyScapes_Day14

Fotos: Lisa Klappe

FacebookTwitterPinterestWhatsAppEmailPrint
Weitere Empfehlungen

Suche starten