Raumpsychologie: So wohnen Sie glücklich

War­um för­dert fal­sche Ein­rich­tung Bezie­hungs­pro­ble­me? Was kann man aus Hass­far­ben ler­nen und war­um soll­te man sie ein­set­zen? Wel­che Fra­gen soll­te man sich über­haupt beim Ein­rich­ten stel­len? Unser Exper­te für Raum­psy­cho­lo­gie Uwe Lin­ke weiß: Wohl­füh­len heißt, ver­bind­lich sein.

Weni­ge Men­schen fra­gen sich bei der Ein­rich­tung, wie sie sich in einem Raum füh­len wol­len. Wel­che Stim­mung er ver­brei­ten soll. Für Uwe Lin­ke ist das abso­lut zentral.

Herr Linke, gibt es Tricks, mit denen man schnell ein Wohlfühl-Ambiente schaffen kann?

Es gibt sicher ein paar Rezep­te, die auf vie­le zutref­fen, aber eben nicht für alle gleich sind. Tat­sa­che ist, dass Män­ner und Frau­en sich unter­schied­lich wohl­füh­len, dass Fami­li­en ganz ande­re Bedürf­nis­se haben als Paa­re. Es gibt immer ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen und die meis­ten pla­nen lei­der die gerings­te Schnitt­men­ge. Das Ergeb­nis ist dann ent­spre­chend durchschnittlich.

Wie kann man sich seinen eigentlichen Bedürfnissen stellen?

Schaf­fen Sie sich über Far­be und Mate­ri­al einen Zugang, erstel­len Sie zum Bei­spiel ein Mood­board. Ein gutes Hilfs­mit­tel, um Din­ge greif­bar zu machen. Ich wür­de übri­gens nicht für alle Räu­me das glei­che Kon­zept machen, sosehr die Archi­tek­ten das lie­ben. Ich wür­de wahr­schein­lich den Fuß­bo­den durch alle Räu­me zie­hen, wegen der Bar­rie­re­frei­heit, aber jeden Raum anders gestalten.

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Oder den­ken Sie zum Bei­spiel an eine Farb­welt oder ein Ambi­en­te aus dem Urlaub: War ich schon mal in einem tol­len Hotel oder lie­be ich das Strand­le­ben? Wo kom­me ich zur Ruhe – wenn es das ist, wonach ich mich seh­ne? Für vie­le ist das in der Natur. Aber was macht die­ses Gefühl aus? Ist es nur die Far­be Grün, eine kar­ge Ber­g­um­ge­bung oder viel­leicht die Aussicht?

Und wie funktioniert das genau: Sollen sich Naturliebhaber einfach viel Holz und Grün in die Wohnung holen?

Eins zu eins kann man nie über­set­zen. Der eine fühlt sich mit vie­len Far­ben wohl, der ande­re liebt es mono­chrom. Das ist auch sehr stark Trends unter­wor­fen, was ich schwie­rig fin­de. Es gibt für jeden eine Farb­welt, die der ange­streb­ten Stim­mung am nächs­ten kommt. Die meis­ten gehen aber viel zu gro­ße Kom­pro­mis­se ein. Sie müs­sen sich auf Räu­me ein­rich­ten. Das wider­spricht dem Trend, dass wir total fle­xi­bel sein wol­len – alles soll am bes­ten auch in die über­nächs­te Woh­nung pas­sen. Aber ich kann nur eine für mich pas­sen­de Ein­rich­tung fin­den, wenn ich mich fest­le­ge. Zu Hau­se sein, bei sich ankom­men, das hat wirk­lich mit Ver­bind­lich­keit zu tun.

Heißt das auch, dass es den einen guten Stil nicht gibt?

Genau. Wenn ich zum Bei­spiel am Ess­tisch bin, was mache ich da? Da trifft sich die Fami­lie, da lade ich Freun­de ein, da bin ich wach. Das ist etwas voll­kom­men ande­res als im Schlaf­zim­mer. Ein Raum, in dem ich viel­leicht noch ein biss­chen lese oder intim bin, in den ich mich zurück­zie­he und abschal­ten will. War­um sol­len das also nicht zwei unter­schied­li­che Kon­zep­te sein? Nur damit es zusammenpasst?

Gibt es einen Raum, der noch zu häufig unterschätzt wird?

Oft ist gera­de das Schlaf­zim­mer nur ein Raum mit einem Bett drin, viel­leicht noch ein Klei­der­schrank, und es wird als Abstell­flä­che miss­braucht. Da wer­den gan­ze Biblio­the­ken auf­ge­baut. Die vie­len Bücher schrei­en: Ich will gele­sen wer­den. Hier schaf­fen die meis­ten nicht den Spa­gat zwi­schen Raum zum Abschal­ten und Raum zur Intimität.

Haben Sie Tipps, wie man ihn schafft?

Ich emp­feh­le Asso­zia­ti­ons­ket­ten: Was will ich im Schlaf­zim­mer? Zur Ruhe kom­men, in eine Traum­welt abtau­chen, es muss kusche­lig sein. Das Bett muss also weich sein und sta­bil, damit es mich in Sicher­heit wiegt. Der Raum muss hell wie dun­kel sein kön­nen – damit ich lesen, aber auch die Socken unter­schei­den kann. Und gleich­zei­tig so gemüt­lich, dass auch Inti­mi­tät Spaß macht. So kann man sich Punkt für Punkt nähern. Es gibt ja auch Leu­te, die nicht zur Ruhe kom­men wol­len, son­dern Aben­teu­er erle­ben. Wes­halb sol­len deren Wän­de also nicht rot sein? Oder voll­ge­stopft mit Bil­dern? Mir geht es dar­um, eine Erleb­nis­welt auf­zubauen, die uns sel­ber Freu­de macht. Wir gehen zu häu­fig davon aus, wie etwas nor­ma­ler­wei­se ist.

Und das ist langweilig.

Was fas­zi­niert uns denn so an die­sen Woh­nun­gen von Men­schen, die fan­tas­ti­sche Räu­me haben, viel in der Welt unter­wegs waren und sich aus einem gro­ßen Fun­dus bedie­nen kön­nen? Uns gefällt, dass die­se Räu­me so indi­vi­du­ell sind, so unnach­ahm­lich auf die Per­son zuge­schnit­ten. Dazu braucht es den Mut, etwas Unge­wöhn­li­ches zu tun, aus dem Ras­ter aus­zu­bre­chen. Din­ge auf­ein­an­der abzu­stim­men, aber nicht zu den­ken: Viel­leicht will ich in fünf Jah­ren ein neu­es Kon­zept machen.

Wie findet man einen guten Kompromiss, damit alle glücklich sind?

Schwie­ri­ge Sache, sage ich als The­ra­peut. Der kleins­te gemein­sa­me Nen­ner ist tat­säch­lich ein­fach lang­wei­lig. Ich habe das oft erlebt: Trennt sich ein Paar, will kei­ner die Sachen haben. Weil kei­ner damit je zufrie­den war. Das soll­te man ver­mei­den. Ich wür­de lie­ber in die Vol­len gehen und über­le­gen: Was gefällt jeweils zu hun­dert Pro­zent? Und dann ver­su­chen, ein gemein­sa­mes Kon­zept zu finden.

Wenn also die alte Kom­mo­de der Oma für den einen wahn­sin­nig wich­tig ist, darf sie nicht weg­ge­stellt wer­den, son­dern bekommt einen Ehren­platz. Falls etwas ande­res gar nicht dazu passt, darf man ein­fach mal einen Kon­trast aus­hal­ten. Erfah­rungs­ge­mäß sind sol­che Paa­re sowie­so sehr unter­schied­lich und müs­sen es mitein­ander aus­hal­ten. Oder man ist von vorn­her­ein kon­se­quen­ter, sagt: Das ist dein Raum, den darfst du ein­rich­ten. Ich erhe­be nur Ein­spruch, wenn mir etwas über­haupt nicht gefällt. Der ist für mich spä­ter in Ord­nung und für dich super. Sonst kriegt man es nicht hin.

Konnten Sie denn Beziehungsprobleme wirklich schon mal über die Einrichtungsberatung lösen?

Das geht lus­ti­ger­wei­se total häu­fig. Die Leu­te wür­den damit wohl nie­mals als Haupt­an­lie­gen zu mir kom­men. Es ist eher ein schö­nes Abfall­pro­dukt. Weil Din­ge über die Ein­rich­tung sicht­bar wer­den. Und Men­schen sich in einem bestimm­ten Zusam­men­hang ein­fach nicht wohl­füh­len kön­nen. Zum Bei­spiel, wenn es kei­ne Rück­zugs­be­rei­che gibt. Die Räu­me wir­ken auch auf uns, nicht nur wir auf die Räume.

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Die Gestal­tung muss nicht immer bei­den Part­nern gefal­len. Hier lesen Sie Tipps, wie Sie an einem Wochen­en­de ein­fach, aber effekt­voll umdekorieren.

Wie wichtig ist da Farbe?

Far­be wirkt auf zwei­er­lei Arten. Wenn wir zum Bei­spiel eine rote Wand anschau­en, ver­än­dern sich die Gehirn­strö­me – das ist nach­ge­wie­sen. Auch bei Kin­dern oder natur­na­hen Völ­kern, die kei­ne Ahnung haben, wie Far­be wir­ken soll. Das ist die objek­ti­ve Wir­kung. Die sub­jek­ti­ve geht von der Erfah­rung aus. Alle Erin­ne­run­gen sind gefühls­kon­no­tiert. Wir kön­nen uns etwas mer­ken, weil wir ein Gefühl damit ver­bin­den. Eine Far­be, die mir gefällt, und eine Lern­far­be sind daher voll­kom­men unter­schied­li­che Dinge.

Was sind denn Lernfarben?

Das sind Far­ben, mit denen wir einen Gefühls­anteil inte­grie­ren könn­ten, der uns abhan­den­ge­kom­men ist oder den wir nega­tiv besetzt haben und ver­mei­den. Mit Far­ben geht das so wun­der­bar, weil jeder sei­ne Hass­far­be kennt. Far­ben ste­hen für ein ganz bestimm­tes The­ma, und was wir am aller­we­nigs­ten mögen, ist etwas, mit dem wir uns aus­ein­an­der­set­zen soll­ten. An dem wir etwas ler­nen kön­nen. Wir müs­sen die­se Far­be dann nicht im gan­zen Haus­halt ver­tei­len, son­dern bewusst in klei­nen Häpp­chen. Anstatt nur Lieb­lings­far­ben ein­zu­set­zen, lie­ber hin­ter­fra­gen: Was kann ich inte­grie­ren, um mich per­sön­lich weiterzuentwickeln?

Wem fällt es leichter, aus dem Bauch zu entscheiden: Männern oder Frauen?

Nach all­ge­mei­nem Bewusst­sein ent­schei­den Frau­en eher aus dem Bauch, Män­ner eher mit dem Kopf. Nach mei­ner Erfah­rung ist das Unsinn. Es ist eine Typf­ra­ge: Was ist mein Welt­bild – suche ich mei­ne Sicher­heit eher im Kopf oder eher im Bauch? Aus der Hirn­for­schung wis­sen wir, dass das Bauch­hirn ziem­lich schlau ist und dass wir kei­ne ein­zi­ge ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dung ohne Gefühl tref­fen kön­nen. Selbst die ver­nünf­tigs­te Ent­schei­dung ist letzt­end­lich also durch den Bauch gegangen.

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Exper­te für Raum­psy­cho­lo­gie und Ein­rich­tungs­be­ra­ter Uwe Lin­ke

Titel­bild: Mehr Wohn­in­spi­ra­tio­nen wie die­se fin­den Sie auf unse­ren Pin­te­rest-Mood­boards.

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