Designqueen Nani Marquina im Gespräch
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Als alle anderen noch für die Masse designten, ließ Nani Marquina bereits moderne Teppiche in Indien knüpfen – mit uralter Technologie und viel Überzeugskraft. Wir trafen Barcelonas Teppichqueen auf ein paar wunderbare Tapas, um mit ihr über frühe Visionen, tradierte Werte und das Irgendwo im Nirgendwo zu sprechen. Und natürlich: Warum heute alles besser ist.

Nani, wann haben Sie entschieden: Ich will Teppiche machen!

Das ist nicht über Nacht passiert. Ich war Textildesignerin und habe festgestellt, dass es zeitgenössische Tische, Stühle und Leuchten gab – aber eben keine Teppiche. Das war 1985.

Und weshalb stellen Sie auf traditionelle Weise her? Das war damals sicher nicht zeitgenössisch.

Das stimmt. Auch wir haben zunächst mechanisch in Spanien produziert, aber die Technik gab viele Grenzen vor – wenige Farben, keine Strukturen. 1992 bestellte dann ein Hotel einen Teppich mit einem Loch in der Mitte. Das war schlichtweg nicht möglich. Also gingen wir nach Indien, was noch ein sehr geschlossener Markt war. Nur unsere Kelims produzieren wir in Pakistan.

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Also dort, wo die Expertise ist.

Unser indisches Atelier ist in der Nähe von Varanasi. Immer wenn wir dorthin wollen, müssen wir zunächst nach Neu-Delhi fliegen, dort umsteigen und von Varanasi dann nochmal ein bis zwei Stunden zur Produktion fahren. Der Ort hat nicht mal ein Hotel, deswegen müssen wir die Strecke jeden Abend zurück. Obwohl, eigentlich ist es auch kein Ort, es ist ein winziges Dorf. Für eine andere Technik laufen gerade Gespräche mit einem anderen Hersteller, der sogar noch weiter im Nirgendwo ist.

Das macht es aber auch schwierig, einen guten Lieferanten zu finden. Wenn du bei jemandem bestellst, will er immer noch mehr Kunden wie dich haben. Und wenn die Firmen in Europa sehen, dass es gut läuft, wollen sie eben auch dort produzieren. Aber das ist für das eigene Geschäft natürlich schlecht. Weil dann viel kopiert wird. Sie sehen schließlich auch unsere Prototypen für neue Designs. Vielleicht auch ein Grund, weshalb unsere Produzenten irgendwo im Nirgendwo sind.

Wie haben die Leute sich diese Tradition bewahrt?

Sie meinen ohne funktionierende Logistik im Nirgendwo Teppiche zu knüpfen? Die einfache Antwort ist: Weil die indische Kultur so ist. Sie tragen noch immer Saris und beten zu hunderten von Göttern. Das ist auf eine Art sehr konservativ, aber sie sind auch sehr stolz auf diese Dinge. Teil der Kultur ist wohl, ihre Kultur zu erhalten.

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Mit welchen Techniken wird dort produziert?

Handtuften, -weben, -knüpfen. Für mich als Designerin ist das besonders interessant, weil man fast alles umsetzen kann. Man kann innovativ sein. Für ein Produkt haben wir unsere Webstühle ein wenig verändert, um das Design hervorzubringen, das wir uns vorgestellt haben. Dazu muss man natürlich selbst erstmal die Technik verstehen. Bei den Handarbeiten hört man nicht ständig wie in europäischen Fabriken von allen Seiten: Nein, dies geht nicht und, nein, jenes auch nicht.

Welches Projekt hat Sie bisher am meisten herausgefordert?

Das war nicht direkt ein Design sondern ein Projekt: Wir sollten 400 Quadratmeter Wandteppich für den UN-Hauptsitz in Genf produzieren. Die Decke eines Saals wurde vom spanischen Künstler Miquel Barceló bemalt und die Gestaltung sollte sich auf der Wand fortsetzen. Ein sehr künstlerisches Projekt, fast wie das Deckenfresko einer zeitgenössischen Kirche.

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Wie lange braucht ein Teppich durchschnittlich, um produziert zu werden?

Am schnellsten geht wahrscheinlich das Tuften, das braucht für ein Design etwa 40 Tage. Aber das hängt auch immer vom Design ab. Wenn es etwa eines mit 120 verschiedenen Farben ist und die Handwerker ständig die Farbe in der Pistole ändern müssen, braucht es natürlich länger. Oder wenn mit Kurven gearbeitet wird. Am längsten braucht das Handknüpfen. Das braucht etwa 90 Tage.

Warum glauben sind Handwerk und Folkloremotive wieder modern?

Meine Theorie: je technologisierter und auf eine Art gleichgeschalteter die Welt wird, brauchen wir eine stärkere Bindung zu den Dingen, zu einzigartigen Dingen. Andere Kulturen zu entdecken ist unser Weg, dem ein Stück näher zu kommen. Es ist wichtig zu wissen, dass da eine Person hinter dem Teppich ist und keine Maschine.

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Hat sich das verändert, erfährt die handwerkliche Herstellung heute wieder eine größere Wertschätzung?

Wir sind Pioniere auf dem Gebiet und heute wollen die Leute wieder mehr Handarbeit. Alle wollen Geschichten erzählen, erst recht bei Luxusprodukten. Man kauft nicht nur ein Produkt, man kauft ein Erlebnis. Mitte der 90er war ich schon fast ein wenig ängstlich zu erzählen, dass ich in Indien produzieren lasse. Weil die Leute gleich gedacht haben: „Du stellst in einem unterentwickelten Land her, weil du den Arbeitern nichts bezahlen willst.“ Ich musste viel erklären, wie wir produzieren und vom Gegenteil überzeugen. Wir wollten nichts verstecken, sondern sind stolz auf unsere Arbeit. Der Teppich kommt von dieser uralten Handwerkstradition in Indien und wenn du dich damit nicht auskennst, kannst du auch nicht behaupten, dass du dich mit Teppichen auskennst.

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Zum Schluss ein spektakulärer Einblick in die aufwendige Fertigung von „Jie“, designt von Neri & Hu:

www.nanimarquina.com

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