Kann Design die Welt verändern?

Die Lon­don Design Bien­na­le ist die ers­te ihrer Art. Ihr Mot­to: „Uto­pia by Design“. In unse­ren stür­mi­schen Zei­ten frag­ten Gestal­ter aus 37 Natio­nen, wel­che Rech­nun­gen die Ver­gan­gen­heit offen ließ, was die Zukunft bringt und was sie bes­ser macht. Den deut­schen Pavil­lon kura­tier­te Star­de­si­gner Kon­stan­tin Grcic. Was man sich selbst fra­gen soll­te: Was hat Tho­mas More damit zu tun? Gibt es Uto­pia? Und wenn ja, wie viele? 

Drei Wochen lang wird das Lon­do­ner Somerset Hou­se zu einem König­reich vie­ler klei­ner Uto­pi­en. In einem Land, ja, einem König­reich, das einer gro­ßen Uto­pie gera­de selbst den Denk­zet­tel ver­passt hat. Viel­leicht gäbe es also kei­nen pas­sen­de­ren Ort, um die wich­ti­gen Fra­gen unse­rer Zeit in bun­te Instal­la­tio­nen zu über­set­zen, die gemein­sam eine Ant­wort wagen. Was kommt mor­gen? Und was kann Design über­haupt leisten?

Wir ver­ste­hen es als inter­na­tio­na­le Spra­che, die jeder ver­steht. Sie kennt kei­ne Gren­zen. Sie will die Welt zu einem bes­se­ren Ort machen. Über­all auf dem Glo­bus erken­nen Natio­nen und Städ­te, dass Krea­ti­vi­tät in Form von Design ent­schei­den­de Lösungs­vor­schlä­ge für die Pro­ble­me unse­res Zusam­men­le­bens lie­fern kann.“, ant­wor­tet Kura­tor Sir John Sor­rell sicht­lich überzeugt.

Für den deut­schen Bei­trag bedien­te sich der Münch­ner Star­de­si­gner Kon­stan­tin Gri­cic einer Aus­sa­ge von US-Schau­spie­ler John Mal­ko­vic: „Uto­pia means else­whe­re“. Von einem blen­dend wei­ßen Raum, der nichts als einen Ein­füh­rungs­text als Ori­en­tie­rung bereit­hält, tritt der Besu­cher in die Dun­kel­heit des nächs­ten. Die Pro­jek­ti­on eines Feu­ers zieht in sei­nen Bann. Im Ange­sicht der Flam­me auf der Höh­len­wand bleibt nur der Raum zur eige­nen Reflek­ti­on. Die Erkennt­nis: Die Uto­pie ist immer im Kopf. Und damit immer woanders.

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Uto­pia means else­whe­re“ – Kon­stan­tin Grcics Bei­trag für Deutschland

Eine Bien­na­le schöpft ihre Kraft aus dem Spiel mit Per­spek­ti­ven: Eine Uto­pie wird in Russ­land sicher anders for­mu­liert, als in den USA. Zum ers­ten Mal seit dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on lie­fert Russ­land einen Bei­trag zur künst­le­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zung die­ser Art.

Der rus­si­sche Pavil­lon ist im Grun­de ein Foto­ar­chiv über das sowje­ti­sche Design zwi­schen 1960 und 1980. Gezeigt wer­den Designs und Din­ge, die rea­li­siert wur­den, die damals nicht rea­li­siert wer­den konn­ten und die viel­leicht nie hät­ten rea­li­siert wer­den sollen.

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Expe­ri­men­tal Soviet Taxi“ / Moscow Design Museum

Doch die wich­ti­ge­ren und wirk­lich span­nen­den Ansät­ze der Lon­don Design Bien­na­le sind jene, die den Blick nach vorn rich­ten. Sie krei­sen um die gro­ßen Schlag­wor­te, deren Klang manch einen mit sofor­ti­ger Wir­kung auf Durch­zug schal­ten lässt: Nach­hal­tig­keit, Migra­ti­on, erneu­er­ba­re Ener­gi­en, Stadt­ent­wick­lung, Tech­no­lo­gie, sozia­le Gleich­heit. All die­se Din­ge, von denen man zu oft hört – nur zu wenig Gutes. Hier kann man es sehen.

Etwa, wie das Design­team um Gozi Ocho­no­gor das Niger Del­ta wie­der zu einer lebens­wer­ten Hei­mat machen will. Gase im Wert von Mil­lio­nen fackeln hier als Abfall­pro­dukt von Ölboh­run­gen ab – ver­schmut­zen, las­sen den Was­ser­spie­gel anstei­gen und för­dern die inva­si­ve Was­ser­hya­zin­the. Lösungs­vor­schlag für Gemein­den, die vom und auf dem Fluss leben oder arbei­ten: Häu­ser auf Stel­zen, aus tra­di­tio­nel­len Mate­ria­li­en sowie ver­ar­bei­te­ter Was­ser­hya­zin­the gebaut. Ihre Kon­struk­ti­on bezieht auch das omni­prä­sen­te Öl in Form einer Wan­ne mit ein, um es für sich zu nut­zen. Außer­dem ersann das Stu­dio Seven­ti eine inter­ak­ti­ve Licht-Instal­la­ti­on mit Gas­fa­ckeln oder ein Sur­vi­val-Regen­cape gegen Sturz­flu­ten – auch für Nilpferde.

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Nige­ri­as Bei­trag von Stu­dio Seventi

Das über­grei­fen­de The­ma ist eine Hom­mage zum 500. Jah­res­tag von Tho­mas Mores Klas­si­ker „Uto­pia“, in dem er schon 1516 über eine Repu­blik mit demo­kra­ti­schen Grund­zü­gen phi­lo­so­phier­te. Aus sei­ner Kri­tik an der bestehen­den Gesell­schaft erge­ben sich die Grund­zü­ge einer neu­en Ord­nung. Sein Werk war der­art prä­gend, dass es das Gen­re der lite­ra­ri­schen Uto­pie begründete.

Das ist es letzt­lich auch, was die Lon­don Design Bien­na­le so span­nend macht und viel­leicht sogar zu dem, was wir gera­de brau­chen. Ein lei­ses „Wir schaf­fen das“ hallt von über­all auf der Welt durch die­se Räu­me – manch­mal in der Rück­schau, manch­mal in Denk­an­stö­ßen, oft auch in kon­kre­ten Vor­schlä­gen. Und irgend­wie hat es Kon­stan­tin Grcic in sei­nem Bei­trag doch wun­der­bar zusam­men­ge­fasst: Am Ende ist Uto­pia immer das, was wir dar­aus machen.

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Den „Tun­nel der Zeit“ spann Spa­ni­en für die Lon­don Design Bien­na­le. Er führt in die uto­pi­sche Stadt des nächs­ten Jahr­hun­derts, „VRPo­lis“, wo Tech­no­lo­gie, eine hohe Lebens­qua­li­tät und gesun­de Umwelt koexis­tie­ren – trotz knap­per Res­sour­cen, die opti­mal genutzt werden.
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Sharo­na Mer­lin reich­te den Laut­spre­cher für Tau­be „Lou­der“ für Isra­el ein. Er ver­wan­delt Ton in visu­el­le Tex­tu­ren, illus­triert die Musik und über­trägt ihre Vibra­tio­nen auf die Füße des „Zuhö­rers“.
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Kuba, ein Land, in dem der freie Inter­net­zu­gang noch lan­ge kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein wird, baut immer mehr auf öffent­li­che Wifi-Zonen in der Stadt. Luis Rami­rez und Michel Agui­lar kon­stru­ier­ten daher eine Art Tele­fon­zel­le für das Wifi – kom­plett mit Pre­paid-Ser­vice sowie Geträn­ke- und Snackspendern.
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Mit der kine­ti­schen Licht­in­stal­la­ti­on „LeveL: the fra­gi­le balan­ce of uto­pia“ the­ma­ti­siert Öster­reichs Design­stu­dio mischer’traxler die Uto­pie selbst als fra­gi­les Kon­strukt. Der Ansatz: Erst wenn man ihre Zer­brech­lich­keit aner­kennt, kom­mu­ni­ziert und hin­ter­fragt, kann sie zum star­ken Gerüst geformt werden.
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Das Design­duo Bar­ber & Osger­by ließ vor dem Somerset Hou­se eine Art Wet­ter­sta­ti­on imple­men­tie­ren. Sie soll als Appell für krea­ti­ve Lösun­gen im Ange­sicht der pre­kä­ren öko­lo­gi­schen Situa­ti­on des Pla­ne­ten ver­stan­den wer­den – und als Hom­mage an das Ver­ei­nig­te König­reich, des­sen Off­shore Wind­kraft Kapa­zi­tä­ten dem ent­spre­chen, was alle ande­ren Län­der zusam­men­ge­nom­men pro­du­zie­ren können.
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Was ist, wenn wir den Fokus von unse­rem All­tag zie­hen und auf den Rest der Welt rich­ten? Yas­u­hi­ro Suzu­ki aus Japan nimmt uns mit auf „Eine Rei­se um die Welt der Nach­bar­schaft“. Dort kön­nen wir dar­über nach­den­ken, wie wich­tig es ist, zu erfor­schen, was eigent­lich zwi­schen der Gesell­schaft liegt, die wir ken­nen und der, die wir nicht ken­nen. Und was wir am Ende von der Welt, die wir viel­leicht gar nicht wahr­ge­nom­men haben, ler­nen können.
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