Le Corbusier: Rundgang durch eine steingewordene Utopie

Über den schwei­ze­risch-fran­zö­si­schen Archi­tek­ten Le Cor­bu­si­er ist viel gere­det und geschrie­ben wor­den. Sehen kann man die Gebäu­de des hage­ren Man­nes mit der dicken run­den Bril­le jedoch nur ver­ein­zelt. Sei­ne Archi­tek­tur ist ratio­nal, klar und galt zur Zeit ihrer Ent­ste­hung als revo­lu­tio­när – ihr Pla­ner als der Picas­so des Spritz­be­ton. Den­noch oder viel­leicht gera­de des­halb kamen vie­le sei­ner Pro­jek­te nicht über das Ent­wurfs­sta­di­um hin­aus. Als ein­zi­gem Ort in Euro­pa sind im knapp 70 Kilo­me­ter süd­west­lich von Lyon gele­ge­nen Fir­mi­ny gleich meh­re­re Gebäu­de rea­li­siert wor­den. Wir haben uns mal umgesehen.

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Gefällig geht gar nicht

Eigent­lich hieß er Charles Édouard Jean­ne­ret-Gris und wur­de 1887 als Sohn eines Zise­lie­rers und Gra­veurs im schwei­ze­ri­schen La Chaux-de-Fonds gebo­ren. 1914 gelang dem ehr­gei­zi­gen Jung­spund, der zwar Archi­tek­tur stu­dier­te, jedoch nie das Diplom abschloss, mit „Domi­no“ die Ent­wick­lung eines Ske­lett­ge­rüsts aus Eisen­be­ton für den Bau von mehr­ge­schos­si­gen Bau­ten. Kar­ge Mönchs­zel­len eines Zis­ter­zi­en­ser­klos­ters, wie er sie auf sei­nen Rei­sen durch Euro­pa besich­tigt hat­te, beein­druck­ten ihn so sehr, dass sie ihn ein Leben lang prä­gen: Etwa in sei­nen Über­le­gun­gen, was für einen Raum wirk­lich wich­tig ist oder sei­ne Vor­lie­be für spär­lich ein­ge­rich­te­te Zimmer.

Stadt im Haus

In Paris war Charles Mit­be­grün­der der Archi­tek­tur­zeit­schrift „Esprit Nou­veau“ und eröff­ne­te gemein­sam mit sei­nem Cou­sin Pierre Jean­ne­ret ein klei­nes Archi­tek­tur­bü­ro. Da er die meis­ten Arti­kel der Zeit­schrift selbst schrieb, leg­te er sich das Pseud­onym Le Cor­bu­si­er zu, den Mäd­chen­na­men sei­ner Großmutter.

Er stand in Kon­takt zu den bedeu­tends­ten Archi­tek­ten sei­ner Zeit, so auch Wal­ter Gro­pi­us und betei­lig­te sich an Bau­haus-Aus­stel­lun­gen. Auch war er 1927 mit Ent­wür­fen an der Stutt­gar­ter Wei­ßen­hof-Sied­lung betei­ligt. Da er in sei­nen Gebäu­den nichts dem Zufall über­las­sen woll­te, ent­warf er zusam­men mit Pierre Jean­ne­ret und Char­lot­te Per­ri­and auch gleich die pas­sen­den Möbel für sei­ne Bau­ten. Die­se wer­den bis heu­te vom ita­lie­ni­schen Design­la­bel Cas­si­na pro­du­ziert und sind so begehrt, dass sie ein Drit­tel des Umsat­zes aus­ma­chen. Ob aus Oppor­tu­nis­mus oder Über­zeu­gung, dass Le Cor­bu­si­er sich Sta­lin eben­so wie der fran­zö­si­schen Vichy-Regie­rung andien­te, sorgt bis heu­te für hit­zi­ge Dis­kus­sio­nen über die Fra­ge, wes­sen Geis­tes Kind er war.

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An der geschwun­ge­nen Stahl­rohr­lie­ge LC4 wird klar, war­um Le Cor­bu­si­er Sitz­mö­bel auch als Maschi­nen zum Sit­zen bezeich­ne­te (Cas­si­na)
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Eben­so mini­mao­is­ti­sche wie mul­ti­funk­tio­na­le Holz­käs­ten (Cas­si­na)
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Gar­de­ro­be mit bun­ten Holz­ha­ken (Cas­si­na)

 

In Beton gegossene Macht

Sein größ­tes Pres­ti­ge­ob­jekt ent­warf der revo­lu­tio­nä­re Den­ker fern der Hei­mat im indi­schen Punschab, wohin er 1951 als Pla­ner der neu­en Haupt­stadt Chan­di­garh beru­fen wur­de. Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg, als preis­wer­ter funk­tio­na­ler Wohn­raum gefragt war, begeis­ter­te man sich end­lich auch in Euro­pa für sei­ne Ide­en. In Mar­seil­le ent­wi­ckel­te Le Cor­bu­si­er mit der „Cité radieu­se“ ein Mus­ter-Hoch­haus, in dem neben den Woh­nun­gen gan­ze Laden­stra­ßen, ein Kin­der­gar­ten, eine Schu­le und Sport­an­la­gen unter­ge­bracht sind. Le Cor­bu­si­er starb 1965 im süd­fran­zö­si­schen Cap Mar­tin.

Die „Site Le Corbusier“ in Firminy

Anfang der 50er Jah­re wand­te sich Eugè­ne Clau­di­us-Petit, Bür­ger­meis­ter von Fir­mi­ny und ehe­ma­li­ger Minis­ter für Wie­der­auf­bau, mit dem Anlie­gen an Le Cor­bu­si­er im Stadt­teil Fir­mi­ny-Vert neue Arbei­ter­un­ter­künf­te zu bau­en. Geplant wur­den drei Wohn­kom­ple­xe, ein Kul­tur­zen­trum, ein Sport­sta­di­on mit Hal­len­bad sowie eine Kir­che. Es soll­te eine Low-bud­get-Ver­si­on des Mar­seil­ler Pro­jek­tes werden.

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Der Rhyth­mus der schma­len Fens­ter folgt einer Kom­po­si­ti­on des Archi­tek­ten und Musi­kers Ian­nis Xenakis

Das Kulturhaus

Das Kul­tur­haus wur­de als ein­zi­ges Gebäu­de 1960 bis 65 noch zu Leb­zei­ten des gro­ßen Meis­ters moder­nis­ti­scher Wohn­vi­sio­nen erbaut und zählt heu­te zu Welt­kul­tur­er­be­stät­ten der UNESCO. Sen­sa­tio­nell dar­an ist das geschwun­ge­ne Beton­dach und dass es, von den Sei­ten­wän­den mal abge­se­hen, über die gesam­te Brei­te des Hau­ses ledig­lich von Stahl­ka­beln gehal­ten wird. Dadurch gibt es kei­ne tra­gen­den Wän­de im Innern und ermög­licht eine völ­lig fle­xi­ble Raumaufteilung.

Wäh­rend das Kul­tur­haus und das von Le Cor­bu­si­ers Mit­ar­bei­ter André Wogen­s­cky voll­ende­te Hal­len­bad bis heu­te in Betrieb sind, kön­nen die Mus­ter­woh­nung in der Unité d’habitation sowie der 1999 geschlos­se­ne Kin­der­gar­ten im obers­ten Stock­werk nur im Rah­men einer Füh­rung besich­tigt werden.

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Hin­ter dem Kul­tur­haus ist die Kup­pel der Kir­che Saint-Pierre zu sehen

Pfahlbauten für eine bessere Gesellschaft

Le Cor­bu­si­er war über­zeugt: „Von den gro­ßen Bür­den der schwe­ren Haus­ar­beit und der Beauf­sich­ti­gung der Kin­der befreit, wird die Fami­lie in mei­nem Haus ein glück­li­ches Leben füh­ren. Es wird kei­nen Streit zwi­schen Nach­barn und kei­ne Ehe­schei­dun­gen geben.“

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Beton­stel­zen tra­gen die „Unité d’habitation“

Er plan­te sei­ne Wohn­blocks als unab­hän­gi­ges Stadt­vier­tel in sich. Gleich sei­ner „Cité radieu­se“ in Mar­seil­le kon­zi­pier­te Le Cor­bu­si­er auch in Fir­mi­ny das Hoch­haus als ver­ti­ka­le Wohn­stadt nach funk­tio­nel­len Prin­zi­pi­en, die er bis ins kleins­te Detail aus­ar­bei­te­te. Die Bewoh­ner soll­ten das Gebäu­de nur ver­las­sen müs­sen, um zur Arbeit zu gehen. Indem er eige­ne Stock­wer­ke mit Läden, Fri­sör­sa­lons und Bou­ti­quen plan­te, ver­leg­te Le Cor­bu­si­er die Ein­kaufs­stra­ße ein­fach mit­ten ins Haus. Durch ein Hau­s­te­le­fon konn­ten die Bewoh­ner vom Bäcker bis zum Metz­ger Bestel­lun­gen auf­ge­ge­ben und die­se spä­ter abho­len oder gleich zu ihrem Apart­ment lie­fern las­sen. Auch an Kin­der­gär­ten und Schu­len hat­te er gedacht.

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Bis zu 150 Kin­der spiel­ten in den drei Grup­pen­räu­men des Kindergartens

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Grup­pen­raum mit klei­nem Wasserbassin

In der soge­nann­ten „Unité d’habitation“, ver­ein­te er pas­send zur moder­nen Bau­wei­se auch die neu­es­ten tech­ni­schen Errun­gen­schaf­ten jener Zeit: er instal­lier­te Zen­tral­hei­zung, kol­lek­ti­ve Tro­cken­räu­me und sogar die ers­te auto­ma­ti­sche Wasch­ma­schi­ne Frank­reichs. Die Bedeu­tung des Autos nahm Le Cor­bu­si­er vor­weg, indem er den Platz unter den Beton­stel­zen sei­ner „Wohn­ma­schi­ne“ für Park­plät­ze vor­sah, Fuß­we­ge mit­tels Bür­ger­stei­gen von der Fahr­bahn trenn­te und die Gebäu­de mit viel Natur umgab. In sei­nen Plä­nen neh­men die Hoch­häu­ser (geplant waren ins­ge­samt drei, doch nur eines wur­de gebaut) nur 15 Pro­zent der Bau­flä­che ein, wäh­rend er 85 Pro­zent als Grün­flä­che vorsah.

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Blick von der Fens­ter­front in die Wohneinheit

Die Mus­ter­woh­nung ist für eine vier­köp­fi­ge Fami­lie kon­zi­piert. Von einem klei­nen Gar­de­ro­ben­be­reich gelangt man an der Küche vor­bei, die nur durch ein halb­ho­hes Schrank­ele­ment abge­teilt ist, in einen Wohn-Ess­be­reich. Er ist offen, luf­tig und hell, denn die kom­plett ver­glas­te Front­wand reicht bis ins Ober­ge­schoss, das man über eine Trep­pe erreicht. Das Eltern­schlaf­zim­mer ragt auf einer Empo­re in den Raum. Ein schma­ler Flur führt an Toi­let­te und Bade­zim­mer vor­bei zu zwei Kin­der­zim­mern. Vor jeder Glas­front ver­fügt jede Woh­nung zudem noch über einen Balkon.

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Frü­her waren die Kor­ri­do­re sehr belebt

Die durch far­big gestri­che­ne Türen alles ande­re als ein­tö­nig wir­ken­den brei­ten Flu­re darf man sich in den 1970er Jah­ren wesent­lich beleb­ter vor­stel­len als heu­te. Wie in einem Dorf stan­den die meis­ten Türen offen, die Kin­der fuh­ren auf den Kor­ri­do­ren Rad oder spiel­ten, Nach­barn tra­fen sich auf ein Schwätzchen.

Das Rund muss ins Eckige: Die Kirche Saint-Pierre

Ein wei­te­res High­light in Fir­mi­ny ist die Kir­che Saint-Pierre, deren Bau erst fünf Jah­re nach Le Cor­bu­si­ers Tod begon­nen und aus Kos­ten­grün­den erst 2006 von sei­nem lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­ter José Oubre­rie fer­tig­ge­stellt wer­den konnte.

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Vor der Kir­che steht eine Figur in der von Le Cor­bu­si­er ent­wi­ckel­ten Maßeinheit

Der Kegel­bau mit qua­dra­ti­schem Grund­riss besteht heu­te aus einem Muse­ums und einer Kir­chen­kup­pel. Ursprüng­lich waren im Sockel­be­reich die Woh­nung des Pries­ters sowie Gemein­de­räu­me geplant. Licht dringt nur durch den rohen Beton durch­bre­chen­de Fens­ter auf Boden­ebe­ne sowie klei­ne, run­de Öff­nun­gen in der Kup­pel­wand, die ent­spre­chend dem Stern­bild Ori­on ange­ord­net sind – dem ein­zi­gen Stern­bild, das über­all auf der Welt sicht­bar ist.

Trotz ton­nen­schwe­ren Betons ist Le Cor­bu­si­er damit eine moder­ne Inter­pre­ta­ti­on geis­ti­ger Tran­szen­denz gelun­gen. Die am Kup­pel­an­satz befind­li­chen Fens­ter neh­men die­ser die Schwe­re. Auch wenn man­cher Ansatz Le Cor­bu­si­ers heu­te umstrit­ten sein mag, sei­ne Begeis­te­rung für das auf den ers­ten Blick eher umchar­man­te Mate­ri­al Beton wird in Fir­mi­ny in jedem sei­ner Ent­wür­fe erfahr­bar gemacht und nimmt den Betrach­ter mit in eine Ver­gan­gen­heit, die selbst heu­te noch futu­ris­tisch wirkt.

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Das far­bi­ge Licht wird von bunt gestri­che­nen Fens­ter­lai­bun­gen erzeugt

 

Wer sich die legen­dä­ren Gebäu­de von Fir­mi­ny im Ori­gi­nal anse­hen möch­te kann hier Füh­run­gen reservieren.

Infos zu Öff­nungs­zei­ten und wei­te­ren Sehens­wür­dig­kei­ten in der Gegend gibt es bei Loire Tou­ris­me.

www.sitelecorbusier.com

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