Keramik aus Italien: Das Drama einer aussterbenden Zunft

Brit­ta Herr­mann liebt Kera­mik und lebt in einem alten Haus zwi­schen Oli­ven­bäu­men und Hüh­nern. Es liegt in den Ber­gen von Pis­toia, Ita­li­ens Kul­tur­haupt­stadt 2017. Inmit­ten die­ses Idylls wur­de sie Teil eines Dra­mas: Was sie einst hier­her zog und ihre Pro­duk­te beson­ders macht, wird es viel­leicht bald nicht mehr geben.

Hier sind die Klei­nen Din­ge wich­tig. Nie­mand defi­niert sich über sein Auto oder das, was er hat. Mehr über das, was er tut.“ Ita­li­en sei lie­bens­wert, gast­freund­lich und chao­tisch, sin­niert die Desi­gne­rin. Zwar muss­te sie ihren tos­ka­ni­schen Hand­wer­kern zunächst ein­bläu­en, dass sie nicht zehn Uhr meint, wenn sie neun Uhr sagt, doch damit erschöpft sich das „typisch Deut­sche“, das sie von Ham­burg mit nach Pis­toia nahm.

Die Kera­mik, die sie heu­te mit immer gut gebau­ten älte­ren Her­ren ent­wi­ckelt („Die haben Arme wie Nuss­kna­cker!“), hat aber nichts mit sou­ve­nir­träch­ti­ger Kit­sch­wa­re gemein. Kla­re Lini­en und eine skan­di­na­vi­sche Anmu­tung prä­gen das Bild. Doch der fei­ne Unter­schied liegt in der ita­lie­ni­schen Exper­ti­se. „Hier gibt es noch die klei­nen Manu­fak­tu­ren, die alten Leu­te, die ihr Hand­werk 40 Jah­re lang gelernt haben.“ Mas­sen­pro­duk­ti­on und deren Pro­fit wird kein Wert beigemessen.

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Wie so oft beginnt die Idee mit einer Skiz­ze und einer zwei­di­men­sio­na­len Form aus Kar­ton. Da sie den acht Kilo schwe­ren Pro­to­ty­pen nie­mals allei­ne hoch­zie­hen könn­te, trifft die Desi­gne­rin sich mit einem Dre­her – ihr Mann für die ers­ten Stun­den. Die eigent­li­che Pro­duk­ti­on über­neh­men spä­ter andere.

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Gefällt die neue Form, muss sie eini­ge Tage an der Luft trock­nen. Anders als ihre ter­ra­kot­ta­lie­ben­den Lands­män­ner arbei­tet Brit­ta Herr­mann mit wei­ßem Ton. So muss die rote Vase nicht vor dem Bema­len grun­diert wer­den, was ihr eine beson­de­re Tie­fe ver­leiht. Die nicht-blei­hal­ti­gen Kera­mik-Far­ben (schwie­ri­ger zu han­deln, aber zeit­ge­mäß!) wer­den direkt auf den Ton gepin­selt. Alles Wei­ße ist damit Aussparung.

Nach der mehr­tä­gi­gen Tro­cken­zeit ist der Ton des Pro­to­ty­pen noch immer bear­beit­bar und reif, eine ech­te Schön­heit zu wer­den. Die Künst­le­rin arbei­tet nun Lini­en und Kan­ten her­aus. Ist sie zufrie­den, wan­dert die Kera­mik für 12 Stun­den in den Ofen, bei maxi­mal 1040 Grad.

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Nun ist die Vase bereit für den letz­ten Schliff, ein Far­ben­kleid und eine Gla­sur, die sie was­ser­dicht macht. Bei den schwarz-wei­ßen Designs wird die Far­be direkt auf den wei­ßen Bis­kuit gepin­selt. Heißt im Klar­text: Es gibt nur eine Chan­ce – ein­mal ver­malt und das Stück ist feh­ler­haft. Brit­ta Herr­mann selbst über­nimmt die­ses Risi­ko nur für den Pro­to­ty­pen. „Danach machen das ande­re, die es ein­fach bes­ser können.“

Abschlie­ßend kommt das Stück noch ein­mal für zehn Stun­den in den Ofen, bei etwas weni­ger als 1000 Grad. Und ist nun gewapp­net, in den Manu­fak­tu­ren in Montelu­po Fio­ren­ti­no oder Faen­za in Klein­se­rie zu gehen.

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Die, „die es bes­ser kön­nen“ sind meist älte­re Män­ner mit ange­mes­sen aus­ge­reif­ter Erfah­rung. So groß­ar­tig das für die wiss­be­rie­ri­ge deut­sche Quer­ein­stei­ge­rin ist, so dra­ma­tisch ist es für ihre Zunft: Der Roh­stoff Mensch wächst in den tos­ka­ni­schen Land­stri­chen nicht nach oder ver­schwin­det, bevor die stau­bi­gen Pro­duk­ti­ons­hal­len All­tag und Magie über ihn aus­brei­ten könnten.

Ich fra­ge und ler­ne. Seit ich mit die­sen Män­nern zusam­men­ar­bei­te, habe ich gelernt, wie ein­fach es ist eine App run­ter­zu­la­den oder mal eben eine Mail zu beant­wor­ten. Rich­tig schwie­rig ist dage­gen, zu wis­sen, war­um mei­ne Gla­sur Bla­sen wirft oder wann der rich­ti­ge Zeit­punkt für die Oli­ven­ern­te gekom­men ist“. Ita­li­ens Hand­werks­schatz liegt in Geist und Fähig­kei­ten die­ser Män­ner. Doch er wird nicht wei­ter­ge­reicht, bis­her nicht ein­mal doku­men­tiert. Was die Zukunft bringt, ist nir­gend­wo niedergeschrieben.

www.maniceramics.com

Lesen Sie hier, wie ein bri­ti­scher Leuch­ten­her­stel­ler bemer­kens­wert lang­sam Luxus fertigt

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