Nachgefragt: Wie kombiniert man folkloristische Muster?

Wir ent­lo­cken Ein­rich­tungs­pro­fis ihre per­sön­li­chen Sty­ling­tipps – dies­mal haben wir ein sehr expres­si­ves Des­sin aus­ge­wählt: Der Lei­nen­stoff ist von der üppig exo­ti­schen Vege­ta­ti­on Mexi­kos inspi­riert und passt per­fekt zum ange­sag­ten Folk­lo­re-Stil. Ein Motiv, das den Münch­ner Ein­rich­ter Jan Reu­ter erst ein­mal in Erstau­nen versetzte.

Wir leg­ten dem Ein­rich­ter Stoff „Sal­va­dor“ von Pierre Frey vor.

Was kommt Ihnen beim Betrachten des Bildes als Erstes in den Sinn?

Zuerst habe ich mich mal ordent­lich erschreckt. War­um lan­det der wil­des­te Stoff des Uni­ver­sums gera­de auf mei­nem Bild­schirm? Ufffff! Dann kam mir tro­pi­sches Meer in den Sinn. Bei nähe­rer Erkun­dung der ein­zel­nen Ele­men­te des Stof­fes, waren die Algen plötz­lich nicht mehr ein­deu­tig Algen, die See­ster­ne ent­pupp­ten sich als wei­ße Erb­sen­scho­ten, die Qual­len als fleisch­fres­sen­de Pflan­zen. Kurz: Wir befin­den uns eher im Mumin­haus am Mor­gen, nach­dem Mumin­mut­ter die Blu­me des Hemul in den Hut des Zau­be­rers gewor­fen hat­te. Ich bin ein Fan die­ser mär­chen­haf­ten bun­ten Geschich­ten aus Finn­land, also bin ich natür­lich auch ein Fan die­ses zau­ber­haft fabu­lö­sen Stoffes.

Anmer­kung der Redak­ti­on: Sie ken­nen die Mumins nicht? Dann wird es lang­sam Zeit die­se ekla­tan­te Bil­dungs­lü­cke zu schlie­ßen. Die Mumins sind nil­pferd­ähn­li­che Troll­we­sen. Zwi­schen 1945 und 1970 schrieb und illus­trier­te die finn­län­disch-schwe­di­sche Auto­rin Tove Jans­son neun Mumin-Bücher, die auch zahl­rei­che Adap­tio­nen in Zei­chen­trick- und Pup­pen­spiel­se­ri­en sowie Hör­bü­chern erlebten.

Für welche Räume eignet sich dieses Motiv?

Im Schlaf­zim­mer wäre mir der Stoff zu unru­hig, in mei­nem Tages­wohn­zim­mer oder Lese­zim­mer wäre er herz­lich willkommen.

Wo und wie würden Sie es einsetzen und was dazu kombinieren?

So lie­bes DECO HOME-Team, da seid Ihr nun aber selbst Schuld! Hät­tet Ihr mal lie­ber Joa­chim von Schön­berg gefragt, der kann näm­lich Stof­fe kom­bi­nie­ren, wie kein Zwei­ter. Als er mich ein­mal zu mei­ner Mei­nung bezüg­lich einer Kom­bi­na­ti­on von sie­ben Stof­fen unter­schied­lichs­ter Mus­ter und Far­ben befrag­te, sag­te ich: ‚Die pas­sen doch nicht zusam­men. Nimm die­se drei weg und kom­bi­nie­re noch drei Unis dazu!’ Joa­chim über­leg­te kurz und sag­te: ‚Oder wir neh­men noch den Blu­men­print und das klei­ne Web­mus­ter und den da drü­ben (unbe­schreib­li­ches Mus­ter) dazu, dann wird’s wie­der rund.’

Wir hat­ten bei­de recht! Bei­des waren tol­le Kom­bi­na­tio­nen. Nun habt Ihr aber mich gefragt, womit wir uns in der Weg­lass-Abtei­lung befinden.

Ich wür­de Lei­nen „Sal­va­dor“ als Wand­be­span­nung in einem süd­fran­zö­si­schen Land­haus ver­wen­den. Die Decken­bal­ken sind weiß lackiert oder gestri­chen, die Böden in unbe­han­del­ter Pinie gehal­ten. Dazu wäh­le ich schlich­te wei­ße Lei­nen­vor­hän­ge mit einer tür­kis­far­be­nen Lei­nen-Ein­fas­sung. Als zen­tra­les Möbel sehe ich ein schlich­tes Pini­en-Holz­bett des ame­ri­ka­ni­schen Künst­lers Donald Judd. Die Matrat­ze und zwei Kis­sen­rol­len wür­de ich mit gel­bem Lei­nen bezie­hen, die Kan­ten mit tür­kis­far­be­ner Lei­nen-Keder absetzen.

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Dazu noch eini­ge Kis­sen in tüki­sem Lei­nen und unter­schied­li­chen Blau­tö­nen auf dem Bett ver­tei­len. An die Wän­de hän­ge ich schwarz-wei­ße Por­traitfo­tos in schwar­zen Rah­men. Als pas­sen­de Acces­soires schla­ge ich gelb lasier­te Kera­mik von Tor­tus Copen­ha­gen vor. An der Decke posi­tio­nie­re ich Strah­ler „Lui“ von Occhio. Ansons­ten eini­ge schö­ne Fund­stü­cke aus Trö­del­l­ä­den. Wenn ich eine Chrom-Leuch­te mit korall­far­be­nem zylin­der­för­mi­gem Schirm fän­de, wür­de ich mir bei Posa­men­ten Mül­ler eine schwar­ze Fran­sen­bor­te anfer­ti­gen las­sen und den Schirm damit besetzen.

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Welcher Style passt generell dazu?

Ich ver­wen­de den Stoff in mei­nem gera­de beschrie­be­nen Inte­ri­or im Grun­de genom­men gegen sei­ne Bestim­mung. Der Stoff ist sehr ele­gant und kost­bar und passt natür­lich genau­so gut in eine sehr ele­gan­te som­mer­li­che Ein­rich­tung mit Anti­qui­tä­ten, wie in ein sehr küh­les Inte­ri­or bestehend aus 20er Jah­re Klassikern.

Wie kann ich dieses Motiv schnell und unkompliziert in ein bereits bestehendes Ensemble integrieren?

Die­ser Stoff ist eine Diva! Wer sich eine Diva ins Haus holt, muss sich schon ins Zeug legen. Das geht nicht schnell und unkom­pli­ziert. Es gibt aller­dings auch eine gute Nach­richt: Die Diva wird in Auf­merk­sam­keit bezahlt und nicht in Euro.

Für eine kos­ten­güns­ti­ge Vari­an­te schla­ge ich vor, das Zim­mer tür­kis zu strei­chen. Wei­ße Baum­woll­vor­hän­ge, ein dun­kel­blau­es schlich­tes Sofa (z.B. Mags von Hay) und hüb­sche Kis­sen­be­zü­ge aus Lei­nen „Sal­va­dor“ nähen. Seit­lich des Sofas zwei Par­en­te­si-Leuch­ten von Flos plat­zie­ren und an die Wän­de mit Tape­zi­er­nä­geln die schöns­ten Bil­der aus dem letz­ten Urlaub heften.

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In einer teu­ren Vari­an­te wür­de ich das Zim­mer koral­l­rot strei­chen und dazu Möbel des Art déco oder im Kolo­ni­al­stil der 20er Jah­re wäh­len. Einen Ses­sel in safran­gel­bem und einen in gift­grü­nem Woll­sa­tin „Athe­na“ von Veraseta, ein Sofa in dun­kel­blau­em Sei­den­samt von Veraseta. Dar­auf ver­tei­le ich ver­schie­den­far­bi­ge Kis­sen aus Sei­den­sa­tin „La Tour“ von Veraseta und ein Kis­sen aus einem schwar­zem Pai­let­ten-Stoff von Luiz. Hier wür­de ich die Vor­hän­ge aus unse­rem Objekt der Betrach­tung nähen las­sen unter Ver­wen­dung von reich­lich Stoff. An der Stoff­men­ge zu spa­ren, hal­te ich für einen gro­ßen Feh­ler und emp­feh­le lie­ber einen güns­ti­gen Stoff üppig ein­zu­set­zen, als einen teu­ren spar­sam. Dazu passt sehr schön ein Gemäl­de von Chris­ti­na Chiru­les­cu (Tan­ja Pol Gale­rie).

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Was passt gar nicht dazu?

Eigent­lich scheue ich hier eine Ant­wort, weil jemand, der gut kom­bi­nie­ren kann, die unglaub­lichs­ten Din­ge zusam­men­stellt und damit stets ein groß­ar­ti­ges Bild erzeugt. Ein­rich­tungs­be­geis­ter­ten Lai­en emp­feh­le ich: Fin­ger weg von Möbeln und Deko­ra­ti­ons­ge­gen­stän­den aus dem Bali-Markt. Das ist ein Rat, den man eigent­lich gene­rell immer beher­zi­gen sollte.

www.jan-reuter-einrichtungen.de

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