Faszinierter Blick hinter die Kulissen: Little Greenes Farb- und Tapeten-Manufaktur

Was Kuchen­ba­cken und die Her­stel­lung von Far­be gemein­sam haben? Wir waren zu Gast bei Litt­le Gree­ne und haben einen Blick zwi­schen Farb­töp­fe und Tape­ten­wal­zen des bri­ti­schen Fami­li­en­un­ter­neh­mens geworfen.

Eine Wol­ke stäubt vom Misch­bot­tich auf, wäh­rend ein Mann mit gut­mü­ti­ger Aura einen schweiß­trei­bend schwe­ren Sack dar­über ent­leert. Der Name auf sei­nem wald­grü­nen Ein­tei­ler wird für den Land­strich, in dem er lebt, erstaun­lich wenig vom Ypsi­lon beherrscht. Arwyn Hug­hes wohnt und arbei­tet im nörd­lichs­ten Teil von Nord­wales, dort, wo das Leben noch pit­to­resk erscheint.

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Sein Job in der Far­ben­fa­brik hat aller­hand mit dem eines Kon­di­tors gemein: Auch beim Kuchen­ba­cken ist Erfolg haupt­säch­lich eine Fra­ge des Rezepts. Wel­che Men­gen Ton, Talk und Titan­di­oxid er genau in das spin­del­wir­beln­de Was­ser kippt, wird natür­lich nicht ver­ra­ten. Wich­tig ist nur: lie­ber mehr als weni­ger – vor allem von letz­ter Zutat, die das End­pro­dukt dich­ter, decken­der, damit umwelt­freund­li­cher und schlicht­weg bes­ser macht.

Zumin­dest ist Ruth davon über­zeugt, Litt­le Gree­nes Tau­send­sas­sa und Toch­ter des Grün­ders David Mot­tershead. „Wir blei­ben, so weit es geht, pro­fes­sio­nell. Bei der Arbeit ist mein Vater nicht Dad, son­dern David. Und ande­rer­seits reden wir nicht über das Tages­ge­schäft, wenn wir zusam­men am Tisch sit­zen“, erklärt sie fröhlich.

Es war nie­mals vor­ge­ge­ben, wur­de nicht ein­mal bespro­chen, dass die ehe­ma­li­ge Land­schafts­ar­chi­tek­tin und ihr Bru­der Ben ein­mal ins Unter­neh­men ein­stei­gen wür­den. Erst als ihr Vater beim weih­nacht­li­chen Mit­tag­essen einen mög­li­chen Ver­kauf aufs Tapet brach­te, kam bei den bei­den die­ses tief ver­wur­zel­te Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl auf, das jeden Unter­neh­menser­ben packen soll­te – will er der Eltern Lebens­werk nicht an die mit­un­ter wun­der­schö­ne Wand fahren.

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Nächs­te Gene­ra­ti­on: die Geschwis­ter Ruth und Ben.

Ruth fass­te direkt über der Fest­tags-Gans einen Ent­schluss und beschlag­nahm­te schon im April 2011 ihren neu­en Schreib­tisch, Vete­ri­när­me­di­zi­ner Ben zog nur weni­ge Mona­te spä­ter aus Lon­don zurück nach Man­ches­ter. „Mei­ne Kin­der soll­ten erst eine ordent­li­che Alter­na­ti­ve haben, bevor sie ent­schei­den, ob sie das wirk­lich wol­len“, erzählt David hoch­ver­gnügt und auch ein wenig stolz.

Schon bei ihrem frü­he­ren Job war Ruth mit den Exper­ten von English Heri­ta­ge in Kon­takt, wel­che die Mus­ter oder Far­ben his­to­ri­scher Gebäu­de erfor­schen, doku­men­tie­ren und kon­ser­vie­ren. Auch Litt­le Gree­ne pflegt eine enge Zusam­men­ar­beit, legt aus­ge­wähl­te Töne oder Tape­ten wie­der auf und hat dafür Zugang zu den beein­dru­cken­den Archiven.

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Tape­te „Palace Road“ aus der Kol­lek­ti­on Lon­don Wall­pa­pers IV.

Ein zwei­fel­los geschick­ter Schach­zug des Geschäfts­man­nes David, die rich­ti­ge Dosis Tra­di­ti­on in sein heu­te erst 19-jäh­ri­ges Unter­neh­men zu imp­fen. Noch mehr davon steckt im Namen: Er rührt von den Litt­le Gree­ne Dye Works her, die seit 1773 auf dem Gelän­de des heu­ti­gen Fir­men­sit­zes in Man­ches­ter pro­du­zier­ten. Von hier wer­den auch die rund 10 000 Liter Far­be in die Welt geschickt, die in der nord­wa­li­si­schen Fabrik täg­lich in tan­nen­grü­ne Dosen fließen.

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Vor Ort wird der unbe­tei­lig­te Werks­be­sich­ti­ger von einem Detail über­rascht: Was die­se Hal­len ver­lässt, ist immer nur weiß, im bes­ten Fal­le trans­pa­rent. Weil es eben schlecht abzu­se­hen ist, wie vie­le Kun­den wirk­lich ein gewag­tes „Ato­mic Red“ den all­seits belieb­ten Ocker­tö­nen vorziehen.

Die ein­zi­gen Mit­ar­bei­ter, die hier Far­ben sehen, sind Che­mi­ker wie Gra­ham Hill, der in sei­nem Labor jede Char­ge auf Harz und Par­ti­kel prüft: Wie haben sich die Pig­men­te gelöst? Wie hoch sind Weiß­an­teil oder pH-Wert? Wie fließt und ver­teilt sich die Far­be auf der Wand? Trock­net sie zu lang­sam oder gar zu schnell? Und wie steht es um die Vis­ko­si­tät? Steht es schlecht, bekom­men Strei­chen­de das in Form die­ses sprit­zi­gen Sprüh­ne­bels heim­ge­zahlt, der sich Bahn für Bahn über Gesicht und Klei­dung legt.

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In acht Schrit­ten über­prüft Gra­ham Hill die Qua­li­tät jeder ein­zel­nen Charge.
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Bun­tes sehen die wali­si­schen Fabrik­ar­bei­ter nur sel­ten. Die wei­ße Basis aus dem Werk wird erst in Man­ches­ter oder direkt beim Ein­zel­händ­ler abgetönt.
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Aus ins­ge­samt nur 16 Pig­men­ten kann ein Farb­mi­scher Tau­sen­de unter­schied­li­che Nuan­cen herstellen.
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Im „Powder Store“ der Far­ben­fa­brik lagern gel­be, rote und grü­ne Tro­cken­pig­men­te, die aller­dings aus­schließ­lich für Boden­far­ben genutzt werden.

 

David Mot­tershead ist selbst Che­mi­ker, arbei­te­te für einen Big Play­er sei­ner Bran­che, bevor ihn Cent für Cent, der dort Jahr für Jahr an Kos­ten und damit Qua­li­tät ein­ge­spart wur­de, nach neu­en Wegen for­schen ließ. Sei­ne Pro­fes­si­on bestimmt auch sei­ne Welt­sicht: „Die Evo­lu­ti­on in der Ein­rich­tung ist zual­ler­erst eine che­mi­sche Evo­lu­ti­on.“ Die Pro­duk­ti­ons­mit­tel bestim­men das Pro­dukt. Und er war ande­rer Mei­nung, als alle sag­ten, dass Qua­li­tät in einer Geschäfts­welt, in der man vor­lau­ter Mas­se den Ein­zel­nen nicht sieht, dem güns­ti­gen Preis nach­zu­ord­nen sei.

Eigent­lich aber ging es vor allem um ihn selbst: „Life is not to be desi­gned: Das Leben soll­te nicht vor­ge­zeich­net wer­den. Ich bin mei­ner Lie­be zur Kunst und Che­mie gefolgt und Litt­le Gree­ne kam her­aus. Fol­ge dei­nem Her­zen und etwas Gutes wird entstehen.“

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Sze­nen­wech­sel: Die Tape­ten wer­den nicht in Wales son­dern einer Fabrik am Ran­de von Man­ches­ter gedruckt – auf über hun­dert Jah­re alten Surflex-Maschi­nen. Der Effekt: Sie wir­ken bei­na­he handgemacht.
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Eine Farb­über­trag­wal­ze nimmt die was­ser­ba­sier­te Tin­te auf und gibt sie an die Druck­rol­le ab. Deren Nähe zum Papier bestimmt auch die Inten­si­tät der Farbe
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Litt­le Gree­ne bedruckt sei­ne Tape­ten mit den eige­nen Far­ben. Der Vor­teil: Bei der Gestal­tung lässt sich bei­des per­fekt auf­ein­an­der abstimmen.
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Die Vor­la­ge für Design „Cran­ford“ ent­stand Mit­te des 18. Jahrhunderts.
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Schö­ne Idee: abge­setzt in zwei ver­schie­de­nen Farb­tö­nen arbei­ten. Hier mit Tape­te „Albe­mar­le St“ aus der Kol­lek­ti­on „Lon­don IV“.
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Des­sin „Broad­wick St“ kom­bi­niert mit kräf­ti­gem Blau und Gelb.

 

Mehr Infos: www.litlegreene.de

Fotos: Ant Jones & Oli­ver Suckling/Cliqq Photography

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