Vom Öko-Liebling zum Designprodukt
Webschiffchen_auf_dem_Handwebstuhl

Leinen liegt wieder voll im Trend! Und das zu Recht: Die aus Flachs gewonnene, stabilste aller Textilfasern ist ein Naturprodukt, nebenbei auch noch sehr umweltfreundlich und wird komplett in Europa hergestellt.

Für immer und ewig

Zu Ballen gewickeltes handgewebtes Leinen gehörte früher zur Aussteuer jeder jungen Frau. Auch Bettbezüge, Nachthemden, Tischdecken und Servietten, Küchenhandtücher oder Schürzen durften nicht fehlen und sollten ein Leben lang halten. Die USPs: eine hohe Saugfähigkeit, Luftdurchlässigkeit und sein kühler Griff. Außerdem waren die in Heimarbeit gefertigten Textilien schmutzabweisend, reißfest und mottenbeständig. Einziger Wermutstropfen für die ordentliche Hausfrau: Leinen ist eine ziemlich knitterige Angelegenheit.

Erst mit der Industrialisierung der Spinn- und Webprozesse im 19. Jahrhundert lief ihm die wesentlich schneller zu verarbeitende Baumwolle den Rang ab. „Time is Money“ lautete die Devise und der einstige Textilstar deutscher Haushalte wurde auf einen Nischenplatz verdrängt. Doch seit sich wegen des drohenden Klimawandels Hersteller und Produkte mit positiven Umweltbilanzen gegenseitig überbieten steht die Flachspflanze und mit ihr das Leinen plötzlich wieder hoch im Kurs. Sie liefert nämlich nicht nur die Leinenfasern, sondern auch Leinsamen und Leinöl, kann vielseitig eingesetzt und komplett verwertet werden. Ökoherz, was begehrst du mehr?

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In bewährter Tradition

Besonders in Regionen, in denen die traditionelle Herstellungsweise am Handwebstuhl auf eine lange Geschichte zurückblickt, sind Handwebereien noch heute zu finden. So auch im Wegscheider Land im Bayerischen Wald. Hier hat sich die 1954 gegründete Handweberei Moser in zweiter Generation einen Namen gemacht. Am Anfang standen zwei Webstühle, eine gute Portion Idealismus und Trachtenwollstoffe. Jene wurden im Auftrag der Regierung von Niederbayern für Trachtenvereine gefertigt.

Trachten- und Schürzenstoffe sind bis heute im Programm der Handweberei, die hierzulande mit 16 Webstühlen eines der größten Traditionsunternehmen ihrer Art ist. Daneben werden vor allem Tischdecken, Läufer, Kissen, Vorhänge oder Möbelstoffe aus Leinen, Schaf- und Baumwolle gewebt.

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Handgewebtes Leinen: Gut Ding will Weile haben

„Viele der Muster stammen aus alten Webbüchern und sind seit 60 Jahren im Programm“, erklärt Johannes Moser, der die Weberei gemeinsam mit seiner Frau Waltraud und Bruder Franz Xaver betreibt. Durch kleine Variationen und Ergänzungen befreit das Moser-Team die Dessins vom Staub der Archive und betont den zeitlosen Aspekt ihrer Formensprache.

Bestellt ein Kunde beispielsweise eine Tischdecke, führt der Weg zunächst ins Lager. Hier wählt die Webgesellin das farblich passende Garn aus. Doch bis aus dem gesponnenen Leinengarn ein fertiges Produkt entsteht, ist es ein langer Weg – denn die Vorarbeiten zum eigentlichen Webvorgang sind ziemlich aufwändig.

Sind Material und Farbe ausgesucht, werden Bindung und Webbreite sowie Fadenzahl festgelegt. Die Fäden, die auf dem Webstuhl die Kette bilden müssen spiralförmig auf den Schärrahmen gewickelt werden. Dann wird der Webstuhl eingerichtet. Heißt: Die Kettfäden werden je nach Muster auf dem Webstuhl angeordnet.

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Für den Schuss wird das Leinengarn von großen Spulen auf die kleinen Spulen für das Weberschiffchen umgespult. Dieses wird beim Weben zwischen die Kettfäden geschossen. An einer Tischdecke von etwa 160 x 160 cm sitzt der Weber rund zwei bis drei Stunden. Danach schlägt die Konfektionierung mit mindestens einer weiteren Stunde zu Buche.

Schließlich muss der Stoff zugeschnitten, genäht und gemangelt werden. Ein Aufwand, der seinen Preis hat. Doch der lohnt sich allemal, denn neben der Bewahrung von Tradition und Kultur hält man am Ende ein Produkt von besonderer Qualität und Langlebigkeit in Händen. Aber keine Angst – es ist ja nur für immer …

Handweberei Moser: Tel. 08592-695

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